Jetzt

Zuweilen ist es so, dass man von einem unvorhergesehenem Ereignis überrascht wird: z.B. ein körperlicher Zustand, der sich durch eine Krankheit oder durch einen Unfall nachhaltig ändert, eine Beziehung, die nicht mehr so „wie immer“ gelebt werden kann, ein Beruf, der unter neuen Bedingungen völlig anders ausgeführt werden soll. Mit anderen Worten: eine tatsächliche Krise taucht wie aus dem Nichts auf, die zunächst scheinbar unlösbare Fragen stellt.
Manchmal gelingt es – meist über die Zeit, durch Unterstützung und durch Wille – eine innere Distanz zur eigenen Betroffenheit zu finden und mit dieser krisenhaften Situation besser zu Recht zu kommen. Über diese mögliche, wenn auch nicht automatische eintretende Situation der Selbstdistanzierung möchte ich hier nachdenken:
In eine solche Krise ohne eigenes Zutun zu geraten – ich traue es mich fast nicht zu schreiben – enthält auch eine fast unsichtbare weitere, gute Perspektive: die Welt stellt sich von einer ganz anderen Seite dar und das ziemlich ausdauernd. Neue Eindrücke versetzen mitunter in Erstaunen, Gewohntes ist nicht mehr so ohne weiteres möglich. Die Notwendigkeiten und die Möglichkeiten des Augenblicks sind deutlich andere geworden.
Und es gibt ungefragt viele Gelegenheiten, das sehr deutlich auf und in sich wirken zu lassen, weil man eben nicht einfach aus der Situation herauskommt.
Eine erste wichtige Erkenntnis zeigt, wie schwer es ist, sich vom Gewohnten und Selbstverständlichen zu verabschieden (auch wenn es nur für eine Zeit ist) und gleichzeitig wie schnell man bereit ist, sich mit dem Anderen zu arrangieren, es zum Gewöhnlichen werden zu lassen. Normal kann vieles sein.
Das Anstrengende liegt allerdings in der Gleichzeitigkeit dieser Strebungen.
Im folgenden Text ist ein Moment zusammengefasst, in dem neben dieser absoluten Betroffenheit sich etwas Neues hinzufügt, als weitere Perspektive, die eben gleichzeitig etwas völlig Neues enthält und trotzdem so tun kann, als wäre es wie immer:

„Die Zeit scheint zu vergehen. Die Welt geschieht, entrollt sich zu Augenblicken, und du hältst inne, betrachtest eine Spinne in ihrem Netz. Das Licht ist hellwach, die Konturen der Dinge sind wie gestochen, und auf der Bucht liegen funkelnde Bänder. Du weißt besser wer du bist, am kraftvoll strahlenden Tag nach dem Sturm, wenn noch das kleinste fallende Blatt von Selbstgewissheit durchbohrt ist. In den Kiefern tönt der Wind, die Welt beginnt zu sein, unwiderruflich, und die Spinne reitet auf ihrem windgewiegten Netz.“
(Don DeLillo: Körperzeit, S. 7)

Es gibt Trost und Hoffnung, wenn jemand uns mitteilt, dass es einen Sinn hat, durch den Sturm zu gehen, dass wir danach mehr von uns wissen, dass die Welt geschieht und beginnt zu sein.

Und dass die Zeit vergeht.

Unser Zeitbegriff war und ist in solchen Situationen in großer Bewegung. Während es zuvor nie ein Problem schien, in großen Zeitabschnitten zu denken, sowohl in die Vergangenheit, aber vor allem in die Zukunft, so zeigt sich die Zeit in den dunklen Tagen als außerordentlich standfest: nichts ist vergangen und der Augenblick tut so, als sei er ewig (erst das macht ihn wirklich schwer; wenn dann ein zweiter und dritter Moment doch hinzukommt – wer weiß wie – dann verliert der erste so dunkle Moment endlich an Kraft. In der Relation liegt zuweilen doch ein wenig Helligkeit).
Diese Momente reduzieren auf das bloß Jetzige und auf die Frage:
was ist meine Antwort jetzt? Wie reagiere ich? Welche Einstellung habe ich gefunden, zu dem, was geschieht?

Lassen sich gute Antworten finden, dann ist es leichter möglich, wieder Ausblicke zu haben und sich an Erinnerungen zu freuen. Es ist wohl ratsam, dann behutsamer mit dem Begriff der Zukunft umzugehen, denn sie ist nicht einfach nur Vorstellung, Wunsch oder Traum oder ein Warten-auf. In sie lässt es sich nicht einfach fliehen, um dem, was ist oder war, auszuweichen. Sie ist viel mehr als das: Zukunft ist eine Haltung der Gegenwart, die die Frage danach stellt, wer und wie ich bin und was ich wirklich will. Die Haltung, die aus der Zukunft kommt, macht das Kraftvolle der Gegenwart aus, was wir auch gut brauchen können, denn betroffen werden wir in der unmittelbaren Gegenwart.

In der Gegenwart findet das Leben statt, es muss sich die Gegenwart von der Zukunft beeinflussen lassen, Präsenz statt Omnipotenz! Wenn ich nur zum nächsten Gipfel hinaufschaue, entwerte ich den, auf dem ich gerade stehe, und werde enttäuscht, wenn ich mich gehetzt auf dem nächsten Gipfel stürze. Nichts wird irgendwie greifbar, vieles erscheint gleich gültig.

Es stärkt und es hilft mir, wenn ich innehalte und mich vergegenwärtige. Dadurch ist die Kraft spürbar, die ins Zukünftige zieht.

Ich glaube, dass die Auseinandersetzung mit Zeit, Zeiten und den Möglichkeiten, die aus Krisen entstehen, beraterische Notwendigkeit ist, denn wie sonst kann ich mich und meinen Klienten auch nur in Ansätzen nachvollziehen, wie sonst soll es gelingen die Klienten, in Hinblick auf eine positive, kraftvolle und attraktive Zukunft zu intervenieren und bei der Gestaltung mit zu unterstützen.
U.a. in der Profession als Berater wird es stets um die entscheidende Frage gehen:

Was ist die Gegenwart und aus welcher Zukunft nährt sie sich?

Es ist eine Frage, von der ich glaube, dass sie für die verschiedensten Situationen – ob beruflich oder persönlich – relevant ist, denn eine gute Arbeits- und Lebensfähigkeit kann im Grunde nur dann erreicht werden, wenn das, was ist, zum richtigen Zeitpunkt ausgesprochen wird und sich das Woraufhin möglichst klar zumindest in Gefühlen, später in Gedanken, Ideen, Zielen und Wegen zeigt.

Das zu klären ist Anliegen der Gedanken zur Gegenkunft.