Voraussetzungen zur Wirksamkeit

Es ist sicher so, dass man nicht zu jeder Zeit in jedem Augenblick wirksam sein möchte – obwohl man es dennoch ist. Wirkung zu haben ist verbunden mit der festen Absicht, etwas bewirken zu wollen. Diese Absicht hält uns unter Spannung, denn zu Vielfältig sind bei genauerem Hinsehen die Gelegenheit, Möglichkeiten und auch Notwendigkeiten, um es sein zu können. Es gibt viele Themen, wo wir uns gefragt fühlen können, einen Beitrag zur Lösung einer Fragestellung zu liefern oder sich eines Themas überhaupt anzunehmen und eben nicht weg zu schauen. Dadurch, dass wir um Stellungnahme gefragt sind, sind wir gleichzeitig auch danach gefragt, wie wirksam wir sind und sein wollen. Wirkung geschieht nicht nur zufällig. Und wer sich seiner Wirkung im beabsichtigten oder in Kauf genommenen Nicht-Wirkung nicht zumindest im Ansatz bewusst ist, vergibt sich Möglichkeiten der Stellungnahme, also der Möglichkeit, nicht nur zufällig zur Wirkung zu kommen.
Wirksamkeit für sich, bezogen auf die eigene Person, ist attraktiv. Und damit anziehend und erstrebenswert. Unwirksamkeit hat die Nähe zum Gefühl des Scheiterns und ist von daher weniger wünschenswert, wenngleich eben darin viele Lernpotenziale darin steckten (ich behaupte sogar, dass im Scheitern die schnellste und nachhaltigste Form des Lernens liegt, wenngleich die Unangenehmste und nur unter der Bedingung, dass man diese Phase aushält und daraus lernen will).

Will die einzelne Person allerdings voran kommen……und sich Vorstellungen erfüllen oder sollen gute Begegnungen so vonstatten gehen, dass die Person selbst die Dinge mit gestalten kann und von daher wirksam wird,  wäre im Vorfeld durchaus zu überlegen, was denn wesentliche Voraussetzungen zur Wirksamkeit sind:

  • Zum Ersten ist da die Gunst des richtigen Augenblicks. Es nützen alle guten Anlagen und alles im eigenen Bewusstsein Entwickelte nichts, wenn es im falschen Moment zur Wirkung gebracht werden soll. Deswegen ist eine wesentliche Kompetenz, die Bedingtheiten des Moments überschauen und einschätzen zu können und entsprechend zu handeln – oder eben jetzt nicht. Kurz: das Timing muss stimmen.
  • Dann ist die zu bevorzugende Haltung, um die jeweiligen Stärken zu wissen, sie zu betonen und auch zu nutzen. Das gilt für die eigenen Stärken und für die der anderen. Interessanterweise ist es in unseren Kulturkreis eine ernstzunehmende Frage der Balance, davon nicht zu viel zu wissen, sie zu sehr zu betonen, denn das wird selten als nützliche Kraft verstanden. Eine zu große Bescheidenheit allerdings wird ebenso als eigentlich kraftlos empfunden. Deshalb scheint es mir von Bedeutung zu sein, diese Grundhaltung zu pflegen und die Balance zu halten, damit die Kraft der Stärke tatsächlich wirksam werden kann.
  • Gut ist es, die eigenen Interessen und Ziele zu kennen und sie absichtsvoll zu verfolgen. Angesichts der Wirksamkeit sind Absichten im Zweifelsfall auch deutlich zu setzen, ansonsten bleibt sowohl die Wirkung als auch das Erreichen von Zielen fast zufällig und im besten Fall glücklich, möglicherweise einhergehend mit mäandrierender Modifikation dessen, was das Ziel ist, hier eher einem Opportunismus folgend als kluger Anpassung.
  • Um wirksam zu sein, ist die Kraft der Vorstellung nötig. Ohne Bilder dessen, was sein soll, keine Ausstrahlung, die Wirkung hat. Denn die Richtung fehlt und wiederum ist der Zufälligkeit Tür und Tor geöffnet. Ist die Vorstellungskraft noch zu schwach, sollte sie trainiert werden, z.B. durch bewusstes Träumen, durch konsequente Beobachtung des eigenes Weges und des weiteren Verlaufs und einer Schärfung der darin enthaltenen Konsequenzen. Auch wenn es meist nicht auf der Hand liegt und auch nicht leicht zu formulieren ist – fühlen lässt es sich meistens leichter:  wichtig ist es, sich eine Klarheit darüber zu verschaffen, wofür ich stehe und wofür ich bekannt sein möchte, was also meine „Mission“ sein könnte. Das hilft der Vorstellungskraft und macht sie greifbarer.
  • Diese Klarheit und Kraft führt führt zu weiteren Punkten, nämlich zu Wille und Entschiedenheit. Wahrscheinlich lassen sich die Fragen meistens leichter stellen, als eine Antwort geben: Was will ich? Zu was bin ich entschieden? Allerdings, nur weil es schwierig ist, kommen wir an diesen Fragen nicht vorbei, wollen wir handlungsfähig und wirksam sein.
    Bei genauerer Betrachtung handelt es sich hier auch nicht um die eine gültige Antwort, sondern eher um eine permanente Frage, die dadurch, dass sie sich dauernd und fast unbeeindruckt von früheren Überlegungen stellt, uns vor allem in der Abgrenzung (ich weiß was ich nicht will) den für uns möglichen Weg weist. Wenn wir denn wollen und dazu entschieden sind.
  • Eine weitere Voraussetzung der Wirksamkeit liegt im weiteren Umfeld der Entschiedenheit, denn zu ihr gehört auch die Entscheidungsfreude. Diese Freude findet das rechte Maß zwischen Nachdenklichkeit und Risikobereitschaft. In beinahe jeder Situation und wiederum abhängig von der langfristigen Absicht ist die Balance neu zu finden und es bedarf eines ausgewogenen Gefühls zur Situation. Wenn wir schon beim Thema Entscheidung sind, ist die Frage nach der Urteilsfähigkeit nicht mehr fern, denn sie hat erheblichen Einfluss darauf, wie Situationen eingeschätzt und eingeordnet werden müssten und vor allem, welche Schlussfolgerung zu ziehen ist. Die Umsetzung der Schlüsse hat mit Formen eines bestimmten und planvollen Agierens  zu tun, was wiederum eine Wirkung zur Folge hat.
  • Denkt man hier noch ein wenig genauer, so fällt auf, dass zur Entscheidungsfreude die Unterscheidungskraft gehört, denn es nur allzu sinnfällig, dass nur dort eine Entscheidung möglich ist, wo es etwas zu entscheiden gibt.  Es geht also nicht um Entscheidungen um ihrer selbst willen, sondern um eine geschärfte Wahrnehmung von Situationen mit ihren Notwendigkeiten und Aufforderungen.
  • Mit der Wahrnehmungsfähigkeit („worum handelt es sich hier / soweit ich sehe“) geht ein Aspekt einher, der Fähigkeiten in einer weiteren Dimension verlangt: ich sollte in der Lage sein, von mir selbst absehen zu können, gleichsam durch mich hindurch, auf das, was dahinter, daneben, dadrüber steht. Ohne diese Selbstdistanzierungsfähigkeit werden wir nicht in der Lage sein, über einen weiteren Bezugspunkt z.B. Lösungen zu finden, die durch die Unmittelbarkeit und Begrenztheit der einzelnen Situation verdeckt sind.
  • Dann wird es außerdem leichter, sich auf das, was die Situation erfordert und / oder die jeweilige Absicht ist, zu konzentrieren oder besser, sich fokussieren zu können. Denn ohne Konzentration keine Wirkung im Rahmen des uns Möglichen. Diese konzentrierte Bezugnahme ist allerdings ohne Disziplin nicht möglich, bei gleichzeitiger Fähigkeit, bei aller Fokussierung auch flexibel zu sein. Weil das in vielen Fällen nicht leicht sein dürfte, halte ich Disziplin und Konsequenz für unbedingt erforderlich, denn zu vielfältig sind die Nebenpfade, zu verführbar sind wir durch die Dynamik von Ereignissen und dem erscheinen von neuen Aspekten.

Natürlich sind all die vorgenannten Punkte leichter zu entwickeln und umzusetzen, wenn wir uns handlungsmächtig fühlen. Das liegt oft an der Situation selbst – nicht alles ist durch uns beeinflussbar -, ebenso aber auch daran, wie wir diese Situation beschreiben, fokussieren und interpretieren. Also liegt vieles daran, wie wir selbst unsere Aufmerksamkeit steuern, weil die wiederum die jeweiligen Deutungen nahelegt und vorbereitet. Wenn es gelingt, mit unserer Wahrnehmung variabel und eben nicht eingeschränkt zu sein und dabei tendenziell die Möglichkeiten, Gelegenheit und Chancen zu sehen, desto leichter wird es, den Spielraum der eigenen Wirksamkeit im Interesse  des Bewirkenwollens zu nutzen.

„Nicht bloß die objektive Möglichkeit – auch die subjektive Fähigkeit zum Glück gehört erst der Freiheit an.“
T.W. Adorno, Minima Moralia, Suhrkamp 2001, S. 159