Wie es wirklich ist

Wie es sich wirklich verhält?

Kein Mensch kann es sicher sagen, keiner weiß Bescheid, im Grunde sind alle im gleichen Dunkel und Unbegriffenen, es sei denn, das ließe sich teilen.
Lässt sich aber nicht.

Deswegen glaube ich auch nicht denen, die meinen, sie hätten Gewissheit.
Woher denn?
Möglicherweise ist es allerdings so, dass ich deren Talente oder Wahrnehmungsebenen nicht kenne oder sie mir nicht zugänglich sind.
Dann hätten sie recht und ich verstünde nur die Klarheit nicht. Die Welt auch nicht. Kann man das lernen? Bei wem?

Und warum setzt sich das, wie es wirklich ist, nicht zum Besseren durch? Weil das, wie es wirklich ist, doch nicht so ist, wie es wirklich sein sollte oder könnte, weil es im Kern nicht so gut ist, wie es sein müsste?
Dann wiederum hätte ich grundsätzlich tatsächlich etwas nicht verstanden und wollte auch gar nicht wissen, wie das, wie es wirklich ist, wirklich ist.

Warum nicht mal zuhören?!

Bist Du in Eile,
mach einen Umweg.
Japanisches Sprichwort

Der Dialog ist eine besondere Art, miteinander zu sprechen und einander zu hören. Sich selbst zuzuhören gehört wesentlich dazu, aufmerksam die eigenen Gedanken, Wahrnehmungen und Reaktionen zu betrachten und zu befühlen, im Versuch, das eigene Weltbild um weitere Perspektiven zu bereichern – zumindest in Erwägung zu ziehen, dass es geschehen könnte.

Zum Dialog gehört die Bereitschaft hinzuhören und die eigenen Bewertungen und Urteile zunächst in der Schwebe zu halten. Die entstehenden Gefühle sind wichtige Orientierungen auf dem Weg zum Verständnis, allerdings sind sie keine Richter. 

„Im Dialog geht es darum, eigene und fremde Gedankenfelder in einer offenen, nicht manipulativen Form zu erkunden. Es geht auch darum zu erkunden, wie unsere Annahmen über das, was wir Wirklichkeit nennen, tief mit unseren nicht hinterfragten kulturellen Normen und Verhaltensweisen verwoben sind.“ (Hartkemeyer, S. 14)

Daraus folgt:

  • Der Dialog ist vom Wesen her prozesshaft, d.h. er entwickelt sich erst im Tun, ist gemeinsame Suche und Erfindung. Dieses sich entwickeln können benötigt eine Bewusstheit über das passende Tempo: nicht zu schnell und nicht zu langsam… 
  • Der Dialog kann die Qualität der Begegnung verändern, d.h. durch ihn erhöht sich die Anzahl der Zugänge zu Menschen und ihren Lebensformen.
  • Der Dialog fördert Erkenntnisprozesse, weil er immer auch die Arbeit an eigenen Begrenzungen ist. Über sich selbst hinaus wachsen können nur diejenigen, die sich in ihren Grenzen kennen.
  • Der Dialog wirkt ausschließlich durch die Haltung dazu. (sl)

Die zehn Kernfähigkeiten im Dialog nach Hartekemeyer

  1. Die Haltung eines Lerners verkörpern
    Dialog erfordert eine lernbereite Offenheit, verknüpft mit dem Wissen, dass ich nichts wirklich weiß.
  2. Radikaler Respekt
    Andere werden in ihrem Wesen anerkannt, bis zu dem Punkt, aus der Perspektive des anderen die Welt sehen zu können.
  3. Offenheit
    Offenheit entsteht durch die Bereitschaft, sich von seinen Überzeugungen lösen zu können., und sich die Denkweisen mitteilen zu können.
    (P. Senge: „Nur echte Offenheit gibt dem Menschen die Kapazität, mit divergierenden Problemen produktiv umzugehen:“)
  4. „Sprich von Herzen“
    Davon reden, was mir wirklich wichtig ist, was mir am Herzen liegt und mich wesentlich angeht. Daher nehme ich den Mut, mich wirklich zu zeigen. 
    Gerade deshalb achte ich aufmerksam darauf, was ich denke.
  5. Zuhören
    Die Auswirkungen des Dialogs werden erhöht, wenn es gelingt sich zugewandt, frei von vorschnellen Bewertungen und mitfühlend zuzuhören.
    Zuhören bedeutet auch, zwischen den Worten auf den Ausdruck und das dazwischen Erscheinende zu horchen.
  6. Verlangsamung
    Um zu verstehen, was der andere meint und wer er ist, braucht es Zeit zum Nachdenken. Weil der Dialog zu einem tieferen Verständnis und Erweiterungen führen soll, braucht das Gesagte und Gemeinte Raum, der in einem eigenen, langsameren Rhythmus schwingt.
  7. Annahmen und Bewertungen suspendieren
    Häufig bestimmen diese Annahmen unser Denken, unsere Schlussfolgerungen und unser Handeln. Wir sind von der Richtigkeit überzeugt, oder sind wir von Vorurteilen geleitet? Wird unser Denken und Handeln dem, was Beobachtbar ist gerecht?

    Leiter der Schlussfolgerungen:
    – erste Stufe: Wahrnehmung von Fakten, Auswahl von Daten
    – zweite Stufe: Interpretation des Beobachteten
    – dritte Stufe: Hinzufügen von Bedeutungen und Bewertungen (weil hier
    Erfahrungen eine wesentliche Rolle spielen, handelt es sich damit um
    Konstruktionen)
    – vierte Stufe: Schlussfolgerungen (die an sich meist schon einen generellen
    Charakter haben)
    – fünfte Stufe: Handel

  8. Produktives Plädieren
    Mit der Bereitschaft, meine Sichtweise darzustellen und auch andere Perspektiven zu sehen, stellt sich möglicherweise der eigene Standpunkt in einem anderen Licht dar. Weil aber alle Standpunkte nebeneinanderstehen können, vertreten mit der gleichen Dialogbereitschaft, kann sich aus ihnen etwas Drittes entwickeln.
  9. Eine erkundende Haltung üben
    Ich bin in der Lage, meine Rolle als Wissender aufzugeben und übernehme das Risiko einer echten, neugierigen, bezogenen Frage an den anderen. Das geschieht aus dem Bedürfnis, etwas wirklich verstehen zu wollen.
  10. Den Beobachter beobachten
    Ich bin mit mir selbst in einem inneren Dialog, achte bewusst auf Gefühle, Haltungen und körperliche Reaktionen, ebenso, wie ich die anderen im Auge habe. Das geschieht aus der Absicht, zu lernen, das Wirksame in der Kommunikation zu erkennen und den gemeinsamen Dialog zu vertiefen.

nach: Johannes F. Hartkemeyer, Martina Hartkemeyer: Die Kunst des Dialogs – Kreative Kommunikation entdecken: Erfahrungen – Anregungen – Übungen. Klett-Cotta, Stuttgart 2005

Saša Stanišić erhält den Deutschen Buchpreis in Frankfurt

…der aus Bosnien stammende Autor kritisiert in seiner Dankesrede den Literaturnobelpreisträger Peter Handke – durchaus nachvollziehbar.
Aus der ZEIT vom 14.10.19:

Preisträger kritisiert Nobelpreis für Peter Handke

In seiner Dankesrede kritisierte Stanišić die Verleihung des Literaturnobelpreises an Peter Handke vor einer Woche. Dieser hatte sich im Zusammenhang mit dem Balkankonflikt wiederholt auf die Seite der Serben gestellt. „Ich hatte das Glück, dem zu entkommen, was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibt“, sagte er. „Dass ich hier heute vor Ihnen stehen darf, habe ich einer Wirklichkeit zu verdanken, die sich dieser Mensch nicht angeeignet hat“, sagte Stanišić über Handke. Er könne nicht nachvollziehen, „dass man sich die Wirklichkeit, mit der man behauptet, Gerechtigkeit für jemanden zu suchen, so zurechtlegt, dass dort nur Lüge besteht“. Stanišić war mit seinen Eltern 1992 nach Heidelberg geflüchtet, nachdem serbische Truppen im Zuge des jugoslawischen Bürgerkriegs seine Heimatstadt besetzt hatten.

https://www.zeit.de/kultur/literatur/2019-10/frankfurter-buchmesse-deutscher-buchpreis-herkunft

Über die Dörfer

Was ist die richtige Zeit, um bei sich selbst anzukommen und sich zu folgen.

Im Grunde sind wir längst da, nur glauben wir es nicht. Bis sich Augen und Herz öffnen vergeht Zeit. Unabhängig davon müssen wir uns im Willen üben, damit wir einem tatsächlichen Ankommen überhaupt eine wirkliche Chance geben.

Vielleicht lässt uns genau das zögern: wir könnten ja ankommen…
Daraus würde eine Selbstverpflichtung oder zumindest eine Selbstverantwortung entstehen: zu mir kommen, sich selbst nach kommen, sich folgen und bei sich bleiben.
Ausreden zählen nicht mehr. Die Zeit ist da.

Jetzt.

(sl)

Über die Dörfer
von Peter Handke dem aktuellen Träger des Literaturpreises 2019

Spiele das Leben.

Gefährde die Arbeit noch mehr.

Sei nicht die Hauptperson.

Such´ die Gegenüberstellung. Aber sei absichtslos.

Vermeide die Hintergedanken. Verschweige nichts.

Sei weich und stark.

Sei schlau, lass´ dich ein und verachte den Sieg.

Beobachte nicht, prüfe nicht, sondern bleib geistesgegenwärtig bereit für die Zeichen.

Sei erschütterbar.

Zeig´ deine Augen, wink´ die andern ins Tiefe, sorge für den Traum

und betrachte einen jeden in seinem Bild.

Entscheide nur begeistert. Scheitere ruhig.

Vor allem hab Zeit und nimm Umwege.

Lass´ dich ablenken. Mach sozusagen Urlaub.

Überhör´ keinen Baum und kein Wasser.

Kehr ein, wo du Lust hast, und gönn´ dir die Sonne.

Vergiss´ die Angehörigen, bestärke die Unbekannten,

bück´ dich nach Nebensachen, weich´ aus in die Menschenleere,

pfeif´ auf das Schicksalsdrama, missachte das Unglück, zerlach´ den Konflikt.

Beweg´ dich in deinen Eigenfarben,

bis du im Recht bist und das Rauschen der Blätter süß wird.

Geh´ über die Dörfer.

Ich komme dir nach.

(aus: „Über die Dörfer, Rede der Nova“, Peter Handke)

Entdeckungen zwischen Humboldt und Marx

Eine Reise nach Berlin

Manchmal bietet es sich an, Spuren zu lesen und ihnen zu folgen. Unseren Erfahrungen in Berlin kreuzte der Ausblick auf das Jahr 2019, in dem das Humboldtforum eröffnet werden sollte. Dieser Ausblick war befördert durch einen Vortrag von Rüdiger Schaper über sein neues Buch „Alexander vom Humboldt. Der Preuße und die neuen Welten“ (Siedler 2018). Der Ort unseres Ausblicks war Berlin, genauer gesagt am Strausberger Platz, dort wo eine Karl-Marx-Büste steht und die gleichnamige Allee in zwei Hälften teilt. Wie Humboldt ging es auch Marx um die Betrachtung und Durchdringung der Welt, der eine eher im Schauen und Messen der Natur, der andere durch seine Kritik der politischen Ökonomie, beide in der Begegnung der großen und größer werdenden Welt, die sich durch ihre Ansätze entwickelt  haben und bis zu unserer Aktualität tiefen Einfluss nehmen.

Was lag da näher, ihren Spuren zu folgen und eine mehrtägige Exkursion im Rahmen des Montagsforums (montagsforum.at) anzubieten, um zumindest Berlins Mitte zu entdecken? Über und mit Rüdiger Schaper werden wir quasi von Humboldt selbst begleitet, sowie später dann auch von welterfahrenen und wortmächtigen Autorin Katja Lange-Müller, die uns über ihr Erleben und Schreiben den marxschen Einfluss näher bringen wird, möglicherweise ohne ihn direkt benennen zu müssen.

Eine Reise steht an, die Spuren zu neuen Schlüsseln zum Weltbegreifen – und sei es nur in Bezug auf unsere je eigenen – legen kann. Oder wie ein anderer Weltentdecker sagt: „Es ist ein Spurenlesen kreuz und quer, in Abschnitten, die nur den Rahmen aufteilen.“ (Ernst Bloch. Spuren. Suhrkamp 1969, S. 17)
Das werden wir versuchen. Etwas anderes bleibt uns im Grunde ohnehin nicht übrig. Weltentdecken. Leben. Verantworten.

Und Spass machen soll es selbstverständlich auch noch!

Voraussetzungen zur Wirksamkeit

Es ist sicher so, dass man nicht zu jeder Zeit in jedem Augenblick wirksam sein möchte – obwohl man es dennoch ist. Wirkung zu haben ist verbunden mit der festen Absicht, etwas bewirken zu wollen. Diese Absicht hält uns unter Spannung, denn zu Vielfältig sind bei genauerem Hinsehen die Gelegenheit, Möglichkeiten und auch Notwendigkeiten, um es sein zu können. Es gibt viele Themen, wo wir uns gefragt fühlen können, einen Beitrag zur Lösung einer Fragestellung zu liefern oder sich eines Themas überhaupt anzunehmen und eben nicht weg zu schauen. Dadurch, dass wir um Stellungnahme gefragt sind, sind wir gleichzeitig auch danach gefragt, wie wirksam wir sind und sein wollen. Wirkung geschieht nicht nur zufällig. Und wer sich seiner Wirkung im beabsichtigten oder in Kauf genommenen Nicht-Wirkung nicht zumindest im Ansatz bewusst ist, vergibt sich Möglichkeiten der Stellungnahme, also der Möglichkeit, nicht nur zufällig zur Wirkung zu kommen.
Wirksamkeit für sich, bezogen auf die eigene Person, ist attraktiv. Und damit anziehend und erstrebenswert. Unwirksamkeit hat die Nähe zum Gefühl des Scheiterns und ist von daher weniger wünschenswert, wenngleich eben darin viele Lernpotenziale darin steckten (ich behaupte sogar, dass im Scheitern die schnellste und nachhaltigste Form des Lernens liegt, wenngleich die Unangenehmste und nur unter der Bedingung, dass man diese Phase aushält und daraus lernen will).

Will die einzelne Person allerdings voran kommen… „Voraussetzungen zur Wirksamkeit“ weiterlesen

Jetzt

unser neuer Blogeintrag

Zuweilen ist es so, dass man von einem unvorhergesehenem Ereignis überrascht wird: z.B. ein körperlicher Zustand, der sich durch eine Krankheit oder durch einen Unfall nachhaltig ändert, eine Beziehung, die nicht mehr so „wie immer“ gelebt werden kann, ein Beruf, der unter neuen Bedingungen völlig anders ausgeführt werden soll. Mit anderen Worten: eine tatsächliche Krise taucht wie aus dem Nichts auf, die zunächst scheinbar unlösbare Fragen stellt.

Manchmal gelingt es – meist über die Zeit, durch Unterstützung und durch Wille – eine innere Distanz zur eigenen Betroffenheit zu finden und mit dieser krisenhaften Situation besser zu Recht zu kommen. Über diese mögliche, wenn auch nicht automatische eintretende Situation der Selbstdistanzierung möchte ich hier nachdenken:

….

Jetzt

Kooperation in digitalen Zeiten

 Eine Annäherung

 

I  Vorbemerkung

Immer dann, wenn wir versuchen wollen, den Anderen in seinem oder ihrem Verhalten zu verstehen, muss es gelingen, über das Wahrnehmbare, das Phänomen des Augenblicks hinauszukommen. Das liefert zumindest eine nachvollziehbare Begründung des jeweiligen Verhaltens und unsere erste Antwort muss nicht stumm bleiben, vielmehr kann es der Auftakt eines Dialogs oder einer engagierten und fruchtbaren Auseinandersetzung oder sogar der Beginn einer echten Kooperation sein.

Um über den Augenblick hinauskommen zu können, braucht es neben der Bereitschaft auch die Fähigkeit (die vom Augenblick selbst beeinflusst sein kann) der Selbstdistanzierung, also die Möglichkeit sich selbst in Relation mit anderen in einem bestimmten Zeitabschnitt – jetzt – sehen zu können. Das schafft die Grundlage eines Verstehenkönnens, nicht nur im Sinne einer weiteren Rationalisierung, sondern …

Text_Kooperation_Digital