Begegnungen und Balance

begegnung.jpg © S. Latt

Da war er wieder: der Wunsch nach eindeutiger, unerschütterbarer Wahrheit. Ein alter Bekannter, der zwar häufig um uns herum ist, hin und wieder grüßt, aber die Nähe scheut und Berührungen nicht sehr oft zulässt. Kaum ist er da, zum Greifen nah, ist er auch schon wieder fort, steht neben oder hinter uns und lässt sich dauerhaft einfach nicht fassen. Wieso bleibt er nicht, begleitet uns als Rückhalt und Stütze auf unserem oftmals verschlungenen und mühevollen Weg durch unsere Geschichte. Wie wunderbar wäre es, sich auf ihn zu stützen und gegen die Versuchungen und Anfeindungen von außen für immer gefeit zu sein.
Stattdessen dreht er sich weg, aus unserem Blick, in den dann, ohne unser Zutun, ein naher Verwandter der Wahrheit gerät: der Zweifel. Er verunsichert, unterstützt wenig und verdreifacht die Zahl der ebenfalls denkbaren und „richtigen“ Möglichkeiten durch sein pures Erscheinen. Und das vor allem in Situationen, in denen das stärkende Rückgrat der Eindeutigkeit und Ausnahmslosigkeit vonnöten wäre.
Die Situation: in einem Workshop für Führungskräfte wurden die Führungsmuster zwischen gestern, heute und morgen thematisiert. Das Gestern geprägt von Autorität, Linearität und Abgrenzung. Das Heute drückt sich eher in Versuchen von Nähe und Beteiligung aus -Teamarbeit mit Führungsfunktionen. Und im Morgen wird es um Selbststeuerung, individuelle Verantwortlichkeit und gemeinsame Arbeit mit dem Prinzip wechselnden Leaderships.
Ja, genau, sagen die Führungskräfte, so soll es morgen auch in unserem Alltag aussehen: sich auf das Team verlassen können und sich gegenseitig auf das gemeinsame Ziel verpflichten.
Doch wie kann sich das in unserem Verhalten konkret ausdrücken? Was sollen wir anders tun als jetzt? Autorität ist out und kommt bei den Mitarbeitern nicht gut an. Ein „Team“, in dem die Führungskraft doch allein entscheidet und es unter dem Deckmantel der mitarbeiterorientierten Delegation verdeckt, scheint auch nicht das Führungsinstrument der Zukunft zu sein.
Also geht es um die gemeinsame, verantwortliche, lernenden und selbstgesteuerte Arbeit im Team.
Nach dem die Sinnhaftigkeit und Nützlichkeit solcher Arbeits- und Teamstrukturen den Führungskräften im Workshop sehr einleuchtend erschien, stellte sich ihnen eine weitere Frage: wenn wir das Morgen erreichen wollen, dann müssen wir uns als Führungspersönlichkeiten vor allem in den Dienst des Teams stellen. Aber wozu machen wir dann noch Führungs-Workshops und kümmern uns um Führungskompetenz? Und wie soll das mit dem Team von morgen überhaupt gehen? Wo bleiben wir als Person, mit unseren Interessen und unserer Geschichte?
Und wieder war er da, der Wunsch nach Richtigkeit und Wahrheit, nach Eindeutigkeit und Klarheit. Der alte Bekannte Wahrheit könnte jetzt für Stabilität und Sicherheit sorgen. Wenn die Wahrheit eindeutig und zweifellos vor uns stünde, dann wüssten wir, wie wir das Morgen der Führung von heute aus zu gestalten wäre. Aber sie ist nur als Vermutung da, und keiner kann sagen, was jetzt eigentlich richtig ist: Führung mit Macht oder Führung als Team-Funktion?.
Was also tun?
Es ist in der täglichen Führungsarbeit sehr hilfreich, mehrere Modelle des Führens zur Verfügung zu haben. Es erleichtert den Umgang mit den großen, aber auch mit den alltäglichen Fragen des Führens und  Leitens. Die Vielzahl der Möglichkeiten erweitert den Handlungsspielraum, und die eigene Beweglichkeit auch in schwierigen Situationen ist eher abgesichert. Im Denken und Handeln kommt es dabei weniger auf die ausschließenden Kategorien des „Entweder – Oder“ an -sich also für oder gegen einen Führungsstil zu entscheiden-, sondern vielmehr auf die integrierenden Kategorien des „Sowohl-als-auch“. Das unterstützt eine Vorgehensweise, die der jeweiligen Situation angemessen ist  und für eine Balance in der gemeinsamen Arbeit, in den Beziehungen untereinander und in der Funktion der Führungskraft als Person sorgt. Die Balance wiederum ist eine Voraussetzung, um handlungs- und entwicklungsfähig zu bleiben.
Für Führungskräfte ist es daher bedeutsam, sich die Wahrnehmungsfähigkeit und Aufmerksamkeit für die Vielzahl der Leitungsmöglichkeiten zu erhalten und sie stärken, um auf die Erfordernisse des Alltags adäquat (i.S. von fördernd, unterstützend, verantwortlich, ernstnehmend, bezogen, transparent und teamförderlich) reagieren zu können und so eine Balance möglich zu machen.
Dabei ist es günstig, den Blick nicht nur auf den einen „alten Bekannten“ zu fokussieren, sondern auch seine vielen Kollegen und Verwandten in den Blick zu nehmen. Wenn sie beachtet werden, sind sie sehr unterstützend, ermöglichen den Zugang zur Energie der Vielfalt und lassen Begegnungen mit noch nicht Bekanntem zu, die die Führungsarbeit bunter und leichter werden lassen.
Es gilt also den Blick zu erweitern und zu schärfen  und nicht müde zu werden auf der Suche nach Begegnungen und Balance.
Erste und letzte Antworten entstehen erst auf der aufmerksamen Suche und in intensiven Begegnungen.
DM