GWS-Forum 2021

„Wir wissen es doch auch nicht“ — Remote

Dieses Forum findet weitgehend im Netz statt und in Form einer zunächst weissen Leinwand werden vom Vorbereitungsteam Fragen als Anregung zur Verfügung gestellt, so dass sich diese Leinwand nach um nach mit den verschiedenen Idee, Überlegungen und Sichtweisen derer die mitmachen füllt. Das Bunte ist erwünscht und ein Ziel ergibt sich, indem wir beginnen uns mit dem Motto zu bewegen.

Ich beschäftige mich mit einer Frage von Susanne Bauer:

2. Wenn wir als GWS e.V. uns die Frage stellen „wir-wissen-es-doch-auch-nicht“, öffnen wir damit Denkräume, um besser zu verstehen, was uns in dieser Zeit der Unklarheiten umtreibt, oder wissen wir es wirklich nicht?

Ist das ernsthaft eine nicht rhetorisch gemeinte Frage?

Die Antwort liegt doch unmittelbar auf der Hand:

• Ja, wenn die GWS-Frage gestellt wird, dann werden damit Denkräume geöffnet – was hätte eine Frage in der GWS sonst für einen Sinn?

• Ja, wir wollen besser verstehen, was uns in Zeiten dieser Unklarheit umtreibt, um selbstmächtig1 zu bleiben – allerdings: diese Zeit ist immer, daher ist das Verstehen-wollen lebenslang.

• Ja, wir wissen es wirklich nicht – wissen wir damit immerhin, was wir nicht wissen?

Wenn also das mit den Denkräumen klar ist, ebenso auch das mit einem zweifelsfreien2 Abfinden des Nicht-Wissens, dann bleibt als offener Punkt die Frage nach dem Umgang mit den Unklarheiten in dieser Zeit (und allen anderen auch).
Da finden sich Wege, individuelle und kollektive: wir schützen uns in dieser Zeit durch Selbstisolation, wir reduzieren soziale bzw. direkte Kontakte, wir gehen davon aus, dass der MNS hilfreich ist, bevor der Impfstoff verfügbar ist, andere beklagen die Einschränkung von Grundrechten oder beziehen sich auf Experten, die in neuesten Studien gezeigt haben, dass… und so weiter. Allen gemeinsam sind wenigsten zwei Aspekte: die Wahrung der eigenen Unversehrtheit3 soll geschützt werden, im Zweifelsfall auch durch Ignoranz (auch von vorhandenem Wissen und Leiden), und wir perfektionieren die uns innewohnende Tendenz des „So-tun-als ob“: 
– als ob wir es alles doch wüssten
– als ob es schon nicht so schlimm kommen wird
– als ob es uns nicht berühren kann, weil wir nicht wirklich gemeint sind, ich schon gar nicht
– als ob in jeder Krise eine Chance steckt
– als ob die Politik / die Virologen etc. es versuchen richtig zu machen und man ihnen vertrauen kann
– als ob die Politik / die Virologen etc. irrlichtern unterwegs sind und man ihnen sicher nicht vertrauen kann
– als ob …

Diese Tendenz hat seine guten Seiten, denn tatsächlich hilft sie über Momente oder Phasen hinweg, in denen die eigene Unklarheit und Unsicherheit droht überhand zu nehmen und schon der Hauch von Plausibilität in den jeweiligen Erklärungsversuchen die Orientierung auf dem Weg zur eigenen Handlungsfähigkeit stärkt, zumal ich andere wahrnehme, denen es ganz genau so geht. Ich fühle mich sicherer und getragen.

So tun als ob hilft Lücken zu schliessen. So tun als ob ist eine hilfreiche Brücke von der Normalität zur neuen Normalität. So tun als ob träumt von Gewissheit.
Und damit ergibt sich eine Form des Umgangs mit Unklarheiten, die sich durch Wissen allein, egal vom wem, nicht balancieren lässt.

Und trotzdem suchen wir nach gesichertem Wissen, spüren den Anspruch, das es jemand, wenn nicht sogar wir selbst, wissen sollte – definitiv.

Kürzlich war ich in einer Ausstellung des Naturhistorischen Museums in Bern „Weltuntergang – Ende ohne Ende“ 4, die sich in sieben thematischen Räumen sich mit dem „Weltuntergang“ befasst, von der sachlichen Analyse über katastrophale Gefährdungen und Szenarien, künstlerischer Auseinandersetzung bis hin zu einem offenen Ende, denn die Welt ist noch nicht untergegangen.
Sie beginnt aber mit einer Gewissheit, der einzigen Gewissheit wie es heißt: „In rund zwei Milliarden Jahren wird es auf der Erde so heiss, dass alles Leben erlischt, und in viereinhalb Milliarden wird sich die Sonne zu einem Roten Riesen aufblähen und verbrennen.“ Die Welt wird untergegangen sein.
Nicht dass es für mich konkret vorstellbar wäre, dennoch ist mir durch diese Ausstellung diese Gewissheit so eindrücklich geworden, dass die Relation zu mir und unserem Leben viel schärfer geworden ist und mich unglaublich erleichtert und entspannt hat. Wenn es denn gar nicht um mich geht und ich mich für mich nicht so ernst und einzig nehmen muss, dann entsteht Freiheit und der Blick für das Andere und die Anderen wird möglich, unverstellt von selbstbetrachtenden Eitelkeiten, hin zur Verantwortung für mich, andere und die Welt in dieser Zeit.

Der Gewissheit folgt die Erkenntnis: Ich kann nicht alles wissen und ich will nicht alles Wissen. Gerade das Nicht-Wissen befördert Handlungsfreiheit und fordert Verantwortung. Ich bin frei im Ringen um den nächsten erforderlichen Schritt, der ein Beitrag zur Gestaltung eines guten Lebens für uns alle sein soll.
Wie der sein kann, das weiß ich nicht, deshalb ringen wir ja.

Und was kann es Sinnvolleres in diesem Zusammenhang geben, als freie Denkräume, die die GWS öffnet?

Stefan Latt, November 2020

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1 selbstmächtig, adj.: selbist mechtig, compos. Diefenb.-Wülcker 852 (gloss. des 15. jh.), der in sich selbst macht hat, aus eigner macht da ist und wirkt: der gröszte zauberer würde der seyn, der sich zugleich so bezaubern könnte, dasz ihm seine zaubereien wie fremde, selbstmächtige erscheinungen vorkämen.
Novalis 3, 121 Meiszner. 
siehe Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. 16 Bde. in 32 Teilbänden. Leipzig 1854-1961.
Quellenverzeichnis Leipzig1971. Online-Version vom 10.11.2020 

2 Zweifel brauchen Gründe und hier wäre es die Hybris des Wissenkönnens als unterstellte Gewissheit  – siehe auch Ludwig Wittgenstein: Über Gewißheit. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1984

3 mindestens körperlich, aber auch emotional und sozial

4 https://www.nmbe.ch/de/ausstellungen-und-veranstaltungen/weltuntergang  
Die Ausstellung dauert bis zum 13.11.2022 – derzeit (Nov. 2020) aus aktuellem Anlass geschlossen

© Foto Naturhistorisches Museum Bern

°QueR

Unsere °QueR – Ausstellung ist zu Ende und die Ambivalenz setzt sich fort: einerseits ist sie wie geplant und ohne ungeplante Ereignisse beendet und andererseits: ist sie jetzt wirklich schon zu Ende? Wie schade!

Im Sinne des Mottos und unserer Ausrichtung war die Ausstellung ein Erfolg, nämlich dem eine Gestalt zu geben und zu verbinden, was eigentlich auf den ersten Blick nicht zusammengehört: die Texte fühlten sich mit den Fotos wohl, die Fotos gaben den Hüten einen passenden Hintergrund und die Skulpturen haben sich als anpassungsfähige Exoten gut eingebunden. Aber vor allem: die Freund:innen und Besucher:innen haben sich wohlgefühlt und eine bunte Lebendigkeit mitgebracht.
Wirkliche Verbindungen können gar nicht anders enststehen…

Die Fotos geben ein paar Impressionen:

Vielen Dank an alle, die gekommen sind und die uns unterstützt haben – vielen Dank für eure Freude und eure Resonanz! Mit und durch euch ist eine erfolgreiche Ausstellung gelungen!
Stefan, Claudia, Sarah und Nicolé

Der Link für größere Fotos:
https://1drv.ms/u/s!Agx4hjCQEzDywk3QJ6VDpjpk-h8N?e=SGnpeZ

QUER

Eine kooperative, transversale Ausstellung

Fotos – Texte – Skulpturen – Hüte

21. bis 29. August 2020
in der Riedgasse 6 in Dornbirn – ehemals „Kleiner Luger“

Verbinden, was auf den ersten Blick nicht zusammengehört.

Zwischenräume als Übergänge zu weiteren Verbindungen nutzen.

Dem folgen, was Freude macht.

Auf den Punkt gebracht sind das Absicht, Motto und Rahmen der Ausstellung „°QueR“ in Kooperation: Stefan und Claudia Latt, Sarah Rainer Pranter, Nicolé Meyer und Constantin Latt.

Wir zeigen ein paar Fotos, mit unterschiedlichen Themen und in unterschiedlichen Formaten. Dazu kommen ein paar Texte als Journal aus dem Querschnitt eines speziellen Jahres.
Die umrahmenden Skulpturen sind aus Vorarbeiten von Tierpräparationen entstanden, weitergeführt in Farbgebung und Darstellung.
Und eine weitere Verbindung: die Hüte. Entworfen und gefertigt von Sarah, ein paar von ihnen werden ausgestellt, als Inspiration für Sie. Nach Ihren Vorstellungen kann Sarah Ihre Hut-Wünsche nach der Ausstellung erfüllen.
Ebenso können nach der Ausstellung exklusive Abzüge bzw. Drucke der Fotos hergestellt werden.

Für diese zugegebenerweise etwas ungewöhnliche Ausstellung können wir einen Teil der außergewöhnlichen Räumlichkeiten des „Kleinen Lugers“ in der Riedgasse in Dornbirn nutzen, der sich derzeit in einem Zwischenraum befindet: das alte Geschäft gibt es nicht mehr und über die neue Nutzung ist noch nicht entschieden.
Am 21.08.2020 ab 16:00 Uhr wird die Ausstellung im kleinen Rahmen nur für geladene Gäste eröffnet.

In den Tagen vom 22. bis zum 29.08. jeweils zwischen 10 und 18 Uhr (bzw. nach Absprache) für Sie die Ausstellung geöffnet haben. Wir freuen uns sehr auf Ihr Kommen.
Im persönlichen Kontakt können wir Ihnen dann gerne die Geschichten hinter den Fotos, Texten, Skulpturen und Hüten erzählen.

Es wird uns eine Freude sein!

© Text und Fotos Laterale e.U.

Horizonte im ewigen Moment

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier; meine längst verblichene Oma glaubte womöglich an diesen altbekannten Spruch. Jedenfalls sagte sie, etwa wenn ich dagegen rebellierte in aller Frühe aufzustehen und in Schule zu gehen, oft: „Daran gewöhnst du dich. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.“ Ein Tier zu sein, vielleicht ein Meerschweinchen, ein Wellensittich oder eine Katze, konnte ich mir vorstellen, zumal die nicht zur Schule mussten. Aber was, fragte ich mich, ist ein Gewohnheitstier? Tat ein solches Tag für Tag, Stunde um Stunde das genau Gleiche? 

Zeit meines bisherigen Lebens habe ich versucht, mir keine Gewohnheiten zuzulegen, doch nun ist etwas passiert, an das nicht nur ich mich nicht gewöhnen kann. Wir sitzen in unseren Selbstisolationshaftanstalten, jede und jeder in seiner und seinem. Wir haben uns von unserem jeweiligen „alten“ Alltag verabschiedet, den „neuen“ aber nicht begrüßt; der hatte und hat nichts Begrüßenswertes. Wir waren und sind bemüht, uns an diese absurd-unsoziale Existenzform zu gewöhnen, sie irgendwie zu strukturieren. Das vollzieht sich in Etappen oder Phasen. Zunächst hofften wir, der Corona-Kelch möge an uns vorübergehen, sich jedenfalls nicht in seiner ganzen Fülle über uns ergießen; dies hofften auch andere Völker – ebenso vergeblich. Dann erlebten wir unsere Regierung aktionistisch wie selten zuvor. Maßregeln wurden erlassen und Verbote, Empfehlungen, Weisungen, Richtlinien erteilt – und Ratschläge gegeben, die sich tatsächlich wie Schläge aufs Gemüt anfühlten; eine schier unüberschaubare Menge von Informationen zu Covid 19 prasselte auf uns nieder. „Man traut sich ja nicht mal mehr, eine Dose Fisch zu öffnen“, sagte meine Nachbarin. Die Nachrichten von Tausenden Toten und schweren Krankheitsverläufen verstörten uns zutiefst. Aus Mangel an professionell gefertigten Mundschutzen (schon dieser Plural ist ein Graus) flickten wir uns selbst welche zusammen und laufen nun, falls wir uns überhaupt hinauswagen, mit diversen Gesichtsbinden, die mich tatsächlich an diese Damenhygieneartikel erinnern, durch nahezu menschenleere Straßen, doch bestenfalls zum nächsten Supermarkt, wo wir anfangs vor allem Toilettenpapier, Grundnahrungsmittel und Konserven kauften, aber bald auch Bier-, Wein- und Schnapsflaschen in „nicht üblichen“ Mengen. Ich (und gewiss nicht ich allein) bedauerte die Obdachlosen, die ich, seit ich des Öfteren von Polizisten nach Wohnort und Ziel befragt wurde, schon fast beneiden wollte, um ihre unfreiwillige Freiheit; zumindest den Gedanken kann ich mir, obwohl er arg zynisch ist, nicht verkneifen. Während der ersten Tage des jetzigen Zeitalters lächelten wir Passanten einander gelegentlich an, so, als wären wir nicht sicher, ob wir uns jemals wiederbegegnen würden. Inzwischen aber weicht mir jeder meine kurzen Wege kreuzende Mitmensch in großem Bogen aus, hält den Kopf gesenkt, vermeidet Blickkontakt. Nur die Kinder und die Hunde an ihren Leinen verhalten sich etwas unbefangener. Wir verstehen, dass sie nicht verstehen, was los ist; gut, die Kinder vielleicht ein bisschen. Und wir fragen uns, ob wir es verstehen. 

Es ist Frühling geworden, die Sonne scheint und wärmt, sogar durch die Fensterscheiben, an denen Krähen und Tauben vorüberfliegen, die Bäume schlagen aus, die Tulpen setzen zur Blüte an, die Amselhähne sitzen morgens laut zwitschernd auf den Mobilfunkantennen. Wir Großstädter beobachten all das von drinnen, hätten gerne einen Garten, ein ahnungsloses, aber freundlich um uns herumwuselndes Haustier, einen Hund, eine Katze oder zwei, drei Goldhamster. Denn das Letzte, was mich zum Lachen brachte, war eine Karikatur zum Thema Hamsterkäufe: Ein Mann schiebt einen Einkaufswagen voller kleiner, quirliger Hamster vor sich her und in der Denkblase über seinem Kopf steht: So, nun habe ich für ne Weile genug Gesellschaft.

Ja, diese Pandemie wird abklingen, wir werden wieder überall hin und zur Arbeit und sogar reisen dürfen. Aber wird es eine (genauer unsere) Welt, die, die wir kannten, nach Corona geben? Eine Welt vor Corona gab es ja auch nicht, denke ich – und dann an einen hochphilosophischen Witz, den ich einst in Boston, am berühmten MIT (Massachusetts Institute of Technology) hörte. Zwei Planeten, A und B, deren Umlaufbahnen sich in der Einsamkeit des Weltraums alle Dreißigmilliarden Jahre kreuzen, sausen nach eben dieser Zeit aufeinander zu. Wie geht’s, fragt Planet A seinen Planetenkumpel B. Schlecht, antwortet der als sie gleichauf sind. Warum? ruft, schon weiterrasend, Planet A. Ich hab Homosapiens, ruft B. zurück und vernimmt dann aus der Ferne, doch gerade noch hörbar, den Trost des Planeten A.: Behalt die Nerven. Das geht vorbei … 

Katja Lange-Müller, April 2020

© für die Laterale e.U.

Bodensee April 2020

EUROPA

„Europa kann nur weiterleben, wenn die Europäer jetzt füreinander einstehen.“

Es ist eine Übungsstunde in Dialektik: Wie gelingt die derzeit notwendige und gesundheitserhaltende Abgrenzung innerhalb der eigenen Nation bei gleichzeitiger Solidarität bezogen auf die Menschen in einem transnationalen Rahmen?
Die Flüchtlinge vor den Toren gehören dazu…

Keine einfache Fragestellung und vielleicht ist es wirtschaftlich naive Antwort, über Bonds nachzudenken. Allerdings: wie eine Unterstützung letztlich heißt und wie sie im Einzelnen organisiert wird, ändert nichts an der Notwendigkeit, sie zu leisten. Das eigene Interesse liegt nicht nur in der Selbstoptimierung, sondern in Gemeinwohl und Solidarität.

Deshalb unterstützen wir den Aufruf von Künstlern, Politkern und Intellektuellen in der ZEIT vom 2. April 2020 – siehe unter

Die Zeit No 15

Wie es wirklich ist

Wie es sich wirklich verhält?

Kein Mensch kann es sicher sagen, keiner weiß Bescheid, im Grunde sind alle im gleichen Dunkel und Unbegriffenen, es sei denn, das ließe sich teilen.
Lässt sich aber nicht.

Deswegen glaube ich auch nicht denen, die meinen, sie hätten Gewissheit.
Woher denn?
Möglicherweise ist es allerdings so, dass ich deren Talente oder Wahrnehmungsebenen nicht kenne oder sie mir nicht zugänglich sind.
Dann hätten sie recht und ich verstünde nur die Klarheit nicht. Die Welt auch nicht. Kann man das lernen? Bei wem?

Und warum setzt sich das, wie es wirklich ist, nicht zum Besseren durch? Weil das, wie es wirklich ist, doch nicht so ist, wie es wirklich sein sollte oder könnte, weil es im Kern nicht so gut ist, wie es sein müsste?
Dann wiederum hätte ich grundsätzlich tatsächlich etwas nicht verstanden und wollte auch gar nicht wissen, wie das, wie es wirklich ist, wirklich ist.

Warum nicht mal zuhören?!

Bist Du in Eile,
mach einen Umweg.
Japanisches Sprichwort

Der Dialog ist eine besondere Art, miteinander zu sprechen und einander zu hören. Sich selbst zuzuhören gehört wesentlich dazu, aufmerksam die eigenen Gedanken, Wahrnehmungen und Reaktionen zu betrachten und zu befühlen, im Versuch, das eigene Weltbild um weitere Perspektiven zu bereichern – zumindest in Erwägung zu ziehen, dass es geschehen könnte.

Zum Dialog gehört die Bereitschaft hinzuhören und die eigenen Bewertungen und Urteile zunächst in der Schwebe zu halten. Die entstehenden Gefühle sind wichtige Orientierungen auf dem Weg zum Verständnis, allerdings sind sie keine Richter. 

„Im Dialog geht es darum, eigene und fremde Gedankenfelder in einer offenen, nicht manipulativen Form zu erkunden. Es geht auch darum zu erkunden, wie unsere Annahmen über das, was wir Wirklichkeit nennen, tief mit unseren nicht hinterfragten kulturellen Normen und Verhaltensweisen verwoben sind.“ (Hartkemeyer, S. 14)

Daraus folgt:

  • Der Dialog ist vom Wesen her prozesshaft, d.h. er entwickelt sich erst im Tun, ist gemeinsame Suche und Erfindung. Dieses sich entwickeln können benötigt eine Bewusstheit über das passende Tempo: nicht zu schnell und nicht zu langsam… 
  • Der Dialog kann die Qualität der Begegnung verändern, d.h. durch ihn erhöht sich die Anzahl der Zugänge zu Menschen und ihren Lebensformen.
  • Der Dialog fördert Erkenntnisprozesse, weil er immer auch die Arbeit an eigenen Begrenzungen ist. Über sich selbst hinaus wachsen können nur diejenigen, die sich in ihren Grenzen kennen.
  • Der Dialog wirkt ausschließlich durch die Haltung dazu. (sl)

Die zehn Kernfähigkeiten im Dialog nach Hartekemeyer

  1. Die Haltung eines Lerners verkörpern
    Dialog erfordert eine lernbereite Offenheit, verknüpft mit dem Wissen, dass ich nichts wirklich weiß.
  2. Radikaler Respekt
    Andere werden in ihrem Wesen anerkannt, bis zu dem Punkt, aus der Perspektive des anderen die Welt sehen zu können.
  3. Offenheit
    Offenheit entsteht durch die Bereitschaft, sich von seinen Überzeugungen lösen zu können., und sich die Denkweisen mitteilen zu können.
    (P. Senge: „Nur echte Offenheit gibt dem Menschen die Kapazität, mit divergierenden Problemen produktiv umzugehen:“)
  4. „Sprich von Herzen“
    Davon reden, was mir wirklich wichtig ist, was mir am Herzen liegt und mich wesentlich angeht. Daher nehme ich den Mut, mich wirklich zu zeigen. 
    Gerade deshalb achte ich aufmerksam darauf, was ich denke.
  5. Zuhören
    Die Auswirkungen des Dialogs werden erhöht, wenn es gelingt sich zugewandt, frei von vorschnellen Bewertungen und mitfühlend zuzuhören.
    Zuhören bedeutet auch, zwischen den Worten auf den Ausdruck und das dazwischen Erscheinende zu horchen.
  6. Verlangsamung
    Um zu verstehen, was der andere meint und wer er ist, braucht es Zeit zum Nachdenken. Weil der Dialog zu einem tieferen Verständnis und Erweiterungen führen soll, braucht das Gesagte und Gemeinte Raum, der in einem eigenen, langsameren Rhythmus schwingt.
  7. Annahmen und Bewertungen suspendieren
    Häufig bestimmen diese Annahmen unser Denken, unsere Schlussfolgerungen und unser Handeln. Wir sind von der Richtigkeit überzeugt, oder sind wir von Vorurteilen geleitet? Wird unser Denken und Handeln dem, was Beobachtbar ist gerecht?

    Leiter der Schlussfolgerungen:
    – erste Stufe: Wahrnehmung von Fakten, Auswahl von Daten
    – zweite Stufe: Interpretation des Beobachteten
    – dritte Stufe: Hinzufügen von Bedeutungen und Bewertungen (weil hier
    Erfahrungen eine wesentliche Rolle spielen, handelt es sich damit um
    Konstruktionen)
    – vierte Stufe: Schlussfolgerungen (die an sich meist schon einen generellen
    Charakter haben)
    – fünfte Stufe: Handel

  8. Produktives Plädieren
    Mit der Bereitschaft, meine Sichtweise darzustellen und auch andere Perspektiven zu sehen, stellt sich möglicherweise der eigene Standpunkt in einem anderen Licht dar. Weil aber alle Standpunkte nebeneinanderstehen können, vertreten mit der gleichen Dialogbereitschaft, kann sich aus ihnen etwas Drittes entwickeln.
  9. Eine erkundende Haltung üben
    Ich bin in der Lage, meine Rolle als Wissender aufzugeben und übernehme das Risiko einer echten, neugierigen, bezogenen Frage an den anderen. Das geschieht aus dem Bedürfnis, etwas wirklich verstehen zu wollen.
  10. Den Beobachter beobachten
    Ich bin mit mir selbst in einem inneren Dialog, achte bewusst auf Gefühle, Haltungen und körperliche Reaktionen, ebenso, wie ich die anderen im Auge habe. Das geschieht aus der Absicht, zu lernen, das Wirksame in der Kommunikation zu erkennen und den gemeinsamen Dialog zu vertiefen.

nach: Johannes F. Hartkemeyer, Martina Hartkemeyer: Die Kunst des Dialogs – Kreative Kommunikation entdecken: Erfahrungen – Anregungen – Übungen. Klett-Cotta, Stuttgart 2005

Saša Stanišić erhält den Deutschen Buchpreis in Frankfurt

…der aus Bosnien stammende Autor kritisiert in seiner Dankesrede den Literaturnobelpreisträger Peter Handke – durchaus nachvollziehbar.
Aus der ZEIT vom 14.10.19:

Preisträger kritisiert Nobelpreis für Peter Handke

In seiner Dankesrede kritisierte Stanišić die Verleihung des Literaturnobelpreises an Peter Handke vor einer Woche. Dieser hatte sich im Zusammenhang mit dem Balkankonflikt wiederholt auf die Seite der Serben gestellt. „Ich hatte das Glück, dem zu entkommen, was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibt“, sagte er. „Dass ich hier heute vor Ihnen stehen darf, habe ich einer Wirklichkeit zu verdanken, die sich dieser Mensch nicht angeeignet hat“, sagte Stanišić über Handke. Er könne nicht nachvollziehen, „dass man sich die Wirklichkeit, mit der man behauptet, Gerechtigkeit für jemanden zu suchen, so zurechtlegt, dass dort nur Lüge besteht“. Stanišić war mit seinen Eltern 1992 nach Heidelberg geflüchtet, nachdem serbische Truppen im Zuge des jugoslawischen Bürgerkriegs seine Heimatstadt besetzt hatten.

https://www.zeit.de/kultur/literatur/2019-10/frankfurter-buchmesse-deutscher-buchpreis-herkunft

Über die Dörfer

Was ist die richtige Zeit, um bei sich selbst anzukommen und sich zu folgen.

Im Grunde sind wir längst da, nur glauben wir es nicht. Bis sich Augen und Herz öffnen vergeht Zeit. Unabhängig davon müssen wir uns im Willen üben, damit wir einem tatsächlichen Ankommen überhaupt eine wirkliche Chance geben.

Vielleicht lässt uns genau das zögern: wir könnten ja ankommen…
Daraus würde eine Selbstverpflichtung oder zumindest eine Selbstverantwortung entstehen: zu mir kommen, sich selbst nach kommen, sich folgen und bei sich bleiben.
Ausreden zählen nicht mehr. Die Zeit ist da.

Jetzt.

(sl)

Über die Dörfer
von Peter Handke dem aktuellen Träger des Literaturpreises 2019

Spiele das Leben.

Gefährde die Arbeit noch mehr.

Sei nicht die Hauptperson.

Such´ die Gegenüberstellung. Aber sei absichtslos.

Vermeide die Hintergedanken. Verschweige nichts.

Sei weich und stark.

Sei schlau, lass´ dich ein und verachte den Sieg.

Beobachte nicht, prüfe nicht, sondern bleib geistesgegenwärtig bereit für die Zeichen.

Sei erschütterbar.

Zeig´ deine Augen, wink´ die andern ins Tiefe, sorge für den Traum

und betrachte einen jeden in seinem Bild.

Entscheide nur begeistert. Scheitere ruhig.

Vor allem hab Zeit und nimm Umwege.

Lass´ dich ablenken. Mach sozusagen Urlaub.

Überhör´ keinen Baum und kein Wasser.

Kehr ein, wo du Lust hast, und gönn´ dir die Sonne.

Vergiss´ die Angehörigen, bestärke die Unbekannten,

bück´ dich nach Nebensachen, weich´ aus in die Menschenleere,

pfeif´ auf das Schicksalsdrama, missachte das Unglück, zerlach´ den Konflikt.

Beweg´ dich in deinen Eigenfarben,

bis du im Recht bist und das Rauschen der Blätter süß wird.

Geh´ über die Dörfer.

Ich komme dir nach.

(aus: „Über die Dörfer, Rede der Nova“, Peter Handke)

Entdeckungen zwischen Humboldt und Marx

Eine Reise nach Berlin

Manchmal bietet es sich an, Spuren zu lesen und ihnen zu folgen. Unseren Erfahrungen in Berlin kreuzte der Ausblick auf das Jahr 2019, in dem das Humboldtforum eröffnet werden sollte. Dieser Ausblick war befördert durch einen Vortrag von Rüdiger Schaper über sein neues Buch „Alexander vom Humboldt. Der Preuße und die neuen Welten“ (Siedler 2018). Der Ort unseres Ausblicks war Berlin, genauer gesagt am Strausberger Platz, dort wo eine Karl-Marx-Büste steht und die gleichnamige Allee in zwei Hälften teilt. Wie Humboldt ging es auch Marx um die Betrachtung und Durchdringung der Welt, der eine eher im Schauen und Messen der Natur, der andere durch seine Kritik der politischen Ökonomie, beide in der Begegnung der großen und größer werdenden Welt, die sich durch ihre Ansätze entwickelt  haben und bis zu unserer Aktualität tiefen Einfluss nehmen.

Was lag da näher, ihren Spuren zu folgen und eine mehrtägige Exkursion im Rahmen des Montagsforums (montagsforum.at) anzubieten, um zumindest Berlins Mitte zu entdecken? Über und mit Rüdiger Schaper werden wir quasi von Humboldt selbst begleitet, sowie später dann auch von welterfahrenen und wortmächtigen Autorin Katja Lange-Müller, die uns über ihr Erleben und Schreiben den marxschen Einfluss näher bringen wird, möglicherweise ohne ihn direkt benennen zu müssen.

Eine Reise steht an, die Spuren zu neuen Schlüsseln zum Weltbegreifen – und sei es nur in Bezug auf unsere je eigenen – legen kann. Oder wie ein anderer Weltentdecker sagt: „Es ist ein Spurenlesen kreuz und quer, in Abschnitten, die nur den Rahmen aufteilen.“ (Ernst Bloch. Spuren. Suhrkamp 1969, S. 17)
Das werden wir versuchen. Etwas anderes bleibt uns im Grunde ohnehin nicht übrig. Weltentdecken. Leben. Verantworten.

Und Spass machen soll es selbstverständlich auch noch!