GWS-Forum 2021

„Wir wissen es doch auch nicht“ — Remote

Dieses Forum findet weitgehend im Netz statt und in Form einer zunächst weissen Leinwand werden vom Vorbereitungsteam Fragen als Anregung zur Verfügung gestellt, so dass sich diese Leinwand nach um nach mit den verschiedenen Idee, Überlegungen und Sichtweisen derer die mitmachen füllt. Das Bunte ist erwünscht und ein Ziel ergibt sich, indem wir beginnen uns mit dem Motto zu bewegen.

Ich beschäftige mich mit einer Frage von Susanne Bauer:

2. Wenn wir als GWS e.V. uns die Frage stellen „wir-wissen-es-doch-auch-nicht“, öffnen wir damit Denkräume, um besser zu verstehen, was uns in dieser Zeit der Unklarheiten umtreibt, oder wissen wir es wirklich nicht?

Ist das ernsthaft eine nicht rhetorisch gemeinte Frage?

Die Antwort liegt doch unmittelbar auf der Hand:

• Ja, wenn die GWS-Frage gestellt wird, dann werden damit Denkräume geöffnet – was hätte eine Frage in der GWS sonst für einen Sinn?

• Ja, wir wollen besser verstehen, was uns in Zeiten dieser Unklarheit umtreibt, um selbstmächtig1 zu bleiben – allerdings: diese Zeit ist immer, daher ist das Verstehen-wollen lebenslang.

• Ja, wir wissen es wirklich nicht – wissen wir damit immerhin, was wir nicht wissen?

Wenn also das mit den Denkräumen klar ist, ebenso auch das mit einem zweifelsfreien2 Abfinden des Nicht-Wissens, dann bleibt als offener Punkt die Frage nach dem Umgang mit den Unklarheiten in dieser Zeit (und allen anderen auch).
Da finden sich Wege, individuelle und kollektive: wir schützen uns in dieser Zeit durch Selbstisolation, wir reduzieren soziale bzw. direkte Kontakte, wir gehen davon aus, dass der MNS hilfreich ist, bevor der Impfstoff verfügbar ist, andere beklagen die Einschränkung von Grundrechten oder beziehen sich auf Experten, die in neuesten Studien gezeigt haben, dass… und so weiter. Allen gemeinsam sind wenigsten zwei Aspekte: die Wahrung der eigenen Unversehrtheit3 soll geschützt werden, im Zweifelsfall auch durch Ignoranz (auch von vorhandenem Wissen und Leiden), und wir perfektionieren die uns innewohnende Tendenz des „So-tun-als ob“: 
– als ob wir es alles doch wüssten
– als ob es schon nicht so schlimm kommen wird
– als ob es uns nicht berühren kann, weil wir nicht wirklich gemeint sind, ich schon gar nicht
– als ob in jeder Krise eine Chance steckt
– als ob die Politik / die Virologen etc. es versuchen richtig zu machen und man ihnen vertrauen kann
– als ob die Politik / die Virologen etc. irrlichtern unterwegs sind und man ihnen sicher nicht vertrauen kann
– als ob …

Diese Tendenz hat seine guten Seiten, denn tatsächlich hilft sie über Momente oder Phasen hinweg, in denen die eigene Unklarheit und Unsicherheit droht überhand zu nehmen und schon der Hauch von Plausibilität in den jeweiligen Erklärungsversuchen die Orientierung auf dem Weg zur eigenen Handlungsfähigkeit stärkt, zumal ich andere wahrnehme, denen es ganz genau so geht. Ich fühle mich sicherer und getragen.

So tun als ob hilft Lücken zu schliessen. So tun als ob ist eine hilfreiche Brücke von der Normalität zur neuen Normalität. So tun als ob träumt von Gewissheit.
Und damit ergibt sich eine Form des Umgangs mit Unklarheiten, die sich durch Wissen allein, egal vom wem, nicht balancieren lässt.

Und trotzdem suchen wir nach gesichertem Wissen, spüren den Anspruch, das es jemand, wenn nicht sogar wir selbst, wissen sollte – definitiv.

Kürzlich war ich in einer Ausstellung des Naturhistorischen Museums in Bern „Weltuntergang – Ende ohne Ende“ 4, die sich in sieben thematischen Räumen sich mit dem „Weltuntergang“ befasst, von der sachlichen Analyse über katastrophale Gefährdungen und Szenarien, künstlerischer Auseinandersetzung bis hin zu einem offenen Ende, denn die Welt ist noch nicht untergegangen.
Sie beginnt aber mit einer Gewissheit, der einzigen Gewissheit wie es heißt: „In rund zwei Milliarden Jahren wird es auf der Erde so heiss, dass alles Leben erlischt, und in viereinhalb Milliarden wird sich die Sonne zu einem Roten Riesen aufblähen und verbrennen.“ Die Welt wird untergegangen sein.
Nicht dass es für mich konkret vorstellbar wäre, dennoch ist mir durch diese Ausstellung diese Gewissheit so eindrücklich geworden, dass die Relation zu mir und unserem Leben viel schärfer geworden ist und mich unglaublich erleichtert und entspannt hat. Wenn es denn gar nicht um mich geht und ich mich für mich nicht so ernst und einzig nehmen muss, dann entsteht Freiheit und der Blick für das Andere und die Anderen wird möglich, unverstellt von selbstbetrachtenden Eitelkeiten, hin zur Verantwortung für mich, andere und die Welt in dieser Zeit.

Der Gewissheit folgt die Erkenntnis: Ich kann nicht alles wissen und ich will nicht alles Wissen. Gerade das Nicht-Wissen befördert Handlungsfreiheit und fordert Verantwortung. Ich bin frei im Ringen um den nächsten erforderlichen Schritt, der ein Beitrag zur Gestaltung eines guten Lebens für uns alle sein soll.
Wie der sein kann, das weiß ich nicht, deshalb ringen wir ja.

Und was kann es Sinnvolleres in diesem Zusammenhang geben, als freie Denkräume, die die GWS öffnet?

Stefan Latt, November 2020

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1 selbstmächtig, adj.: selbist mechtig, compos. Diefenb.-Wülcker 852 (gloss. des 15. jh.), der in sich selbst macht hat, aus eigner macht da ist und wirkt: der gröszte zauberer würde der seyn, der sich zugleich so bezaubern könnte, dasz ihm seine zaubereien wie fremde, selbstmächtige erscheinungen vorkämen.
Novalis 3, 121 Meiszner. 
siehe Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. 16 Bde. in 32 Teilbänden. Leipzig 1854-1961.
Quellenverzeichnis Leipzig1971. Online-Version vom 10.11.2020 

2 Zweifel brauchen Gründe und hier wäre es die Hybris des Wissenkönnens als unterstellte Gewissheit  – siehe auch Ludwig Wittgenstein: Über Gewißheit. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1984

3 mindestens körperlich, aber auch emotional und sozial

4 https://www.nmbe.ch/de/ausstellungen-und-veranstaltungen/weltuntergang  
Die Ausstellung dauert bis zum 13.11.2022 – derzeit (Nov. 2020) aus aktuellem Anlass geschlossen

© Foto Naturhistorisches Museum Bern

Horizonte im ewigen Moment

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier; meine längst verblichene Oma glaubte womöglich an diesen altbekannten Spruch. Jedenfalls sagte sie, etwa wenn ich dagegen rebellierte in aller Frühe aufzustehen und in Schule zu gehen, oft: „Daran gewöhnst du dich. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.“ Ein Tier zu sein, vielleicht ein Meerschweinchen, ein Wellensittich oder eine Katze, konnte ich mir vorstellen, zumal die nicht zur Schule mussten. Aber was, fragte ich mich, ist ein Gewohnheitstier? Tat ein solches Tag für Tag, Stunde um Stunde das genau Gleiche? 

Zeit meines bisherigen Lebens habe ich versucht, mir keine Gewohnheiten zuzulegen, doch nun ist etwas passiert, an das nicht nur ich mich nicht gewöhnen kann. Wir sitzen in unseren Selbstisolationshaftanstalten, jede und jeder in seiner und seinem. Wir haben uns von unserem jeweiligen „alten“ Alltag verabschiedet, den „neuen“ aber nicht begrüßt; der hatte und hat nichts Begrüßenswertes. Wir waren und sind bemüht, uns an diese absurd-unsoziale Existenzform zu gewöhnen, sie irgendwie zu strukturieren. Das vollzieht sich in Etappen oder Phasen. Zunächst hofften wir, der Corona-Kelch möge an uns vorübergehen, sich jedenfalls nicht in seiner ganzen Fülle über uns ergießen; dies hofften auch andere Völker – ebenso vergeblich. Dann erlebten wir unsere Regierung aktionistisch wie selten zuvor. Maßregeln wurden erlassen und Verbote, Empfehlungen, Weisungen, Richtlinien erteilt – und Ratschläge gegeben, die sich tatsächlich wie Schläge aufs Gemüt anfühlten; eine schier unüberschaubare Menge von Informationen zu Covid 19 prasselte auf uns nieder. „Man traut sich ja nicht mal mehr, eine Dose Fisch zu öffnen“, sagte meine Nachbarin. Die Nachrichten von Tausenden Toten und schweren Krankheitsverläufen verstörten uns zutiefst. Aus Mangel an professionell gefertigten Mundschutzen (schon dieser Plural ist ein Graus) flickten wir uns selbst welche zusammen und laufen nun, falls wir uns überhaupt hinauswagen, mit diversen Gesichtsbinden, die mich tatsächlich an diese Damenhygieneartikel erinnern, durch nahezu menschenleere Straßen, doch bestenfalls zum nächsten Supermarkt, wo wir anfangs vor allem Toilettenpapier, Grundnahrungsmittel und Konserven kauften, aber bald auch Bier-, Wein- und Schnapsflaschen in „nicht üblichen“ Mengen. Ich (und gewiss nicht ich allein) bedauerte die Obdachlosen, die ich, seit ich des Öfteren von Polizisten nach Wohnort und Ziel befragt wurde, schon fast beneiden wollte, um ihre unfreiwillige Freiheit; zumindest den Gedanken kann ich mir, obwohl er arg zynisch ist, nicht verkneifen. Während der ersten Tage des jetzigen Zeitalters lächelten wir Passanten einander gelegentlich an, so, als wären wir nicht sicher, ob wir uns jemals wiederbegegnen würden. Inzwischen aber weicht mir jeder meine kurzen Wege kreuzende Mitmensch in großem Bogen aus, hält den Kopf gesenkt, vermeidet Blickkontakt. Nur die Kinder und die Hunde an ihren Leinen verhalten sich etwas unbefangener. Wir verstehen, dass sie nicht verstehen, was los ist; gut, die Kinder vielleicht ein bisschen. Und wir fragen uns, ob wir es verstehen. 

Es ist Frühling geworden, die Sonne scheint und wärmt, sogar durch die Fensterscheiben, an denen Krähen und Tauben vorüberfliegen, die Bäume schlagen aus, die Tulpen setzen zur Blüte an, die Amselhähne sitzen morgens laut zwitschernd auf den Mobilfunkantennen. Wir Großstädter beobachten all das von drinnen, hätten gerne einen Garten, ein ahnungsloses, aber freundlich um uns herumwuselndes Haustier, einen Hund, eine Katze oder zwei, drei Goldhamster. Denn das Letzte, was mich zum Lachen brachte, war eine Karikatur zum Thema Hamsterkäufe: Ein Mann schiebt einen Einkaufswagen voller kleiner, quirliger Hamster vor sich her und in der Denkblase über seinem Kopf steht: So, nun habe ich für ne Weile genug Gesellschaft.

Ja, diese Pandemie wird abklingen, wir werden wieder überall hin und zur Arbeit und sogar reisen dürfen. Aber wird es eine (genauer unsere) Welt, die, die wir kannten, nach Corona geben? Eine Welt vor Corona gab es ja auch nicht, denke ich – und dann an einen hochphilosophischen Witz, den ich einst in Boston, am berühmten MIT (Massachusetts Institute of Technology) hörte. Zwei Planeten, A und B, deren Umlaufbahnen sich in der Einsamkeit des Weltraums alle Dreißigmilliarden Jahre kreuzen, sausen nach eben dieser Zeit aufeinander zu. Wie geht’s, fragt Planet A seinen Planetenkumpel B. Schlecht, antwortet der als sie gleichauf sind. Warum? ruft, schon weiterrasend, Planet A. Ich hab Homosapiens, ruft B. zurück und vernimmt dann aus der Ferne, doch gerade noch hörbar, den Trost des Planeten A.: Behalt die Nerven. Das geht vorbei … 

Katja Lange-Müller, April 2020

© für die Laterale e.U.

Bodensee April 2020