Warum nicht mal zuhören?!

Bist Du in Eile,
mach einen Umweg.
Japanisches Sprichwort

Der Dialog ist eine besondere Art, miteinander zu sprechen und einander zu hören. Sich selbst zuzuhören gehört wesentlich dazu, aufmerksam die eigenen Gedanken, Wahrnehmungen und Reaktionen zu betrachten und zu befühlen, im Versuch, das eigene Weltbild um weitere Perspektiven zu bereichern – zumindest in Erwägung zu ziehen, dass es geschehen könnte.

Zum Dialog gehört die Bereitschaft hinzuhören und die eigenen Bewertungen und Urteile zunächst in der Schwebe zu halten. Die entstehenden Gefühle sind wichtige Orientierungen auf dem Weg zum Verständnis, allerdings sind sie keine Richter. 

„Im Dialog geht es darum, eigene und fremde Gedankenfelder in einer offenen, nicht manipulativen Form zu erkunden. Es geht auch darum zu erkunden, wie unsere Annahmen über das, was wir Wirklichkeit nennen, tief mit unseren nicht hinterfragten kulturellen Normen und Verhaltensweisen verwoben sind.“ (Hartkemeyer, S. 14)

Daraus folgt:

  • Der Dialog ist vom Wesen her prozesshaft, d.h. er entwickelt sich erst im Tun, ist gemeinsame Suche und Erfindung. Dieses sich entwickeln können benötigt eine Bewusstheit über das passende Tempo: nicht zu schnell und nicht zu langsam… 
  • Der Dialog kann die Qualität der Begegnung verändern, d.h. durch ihn erhöht sich die Anzahl der Zugänge zu Menschen und ihren Lebensformen.
  • Der Dialog fördert Erkenntnisprozesse, weil er immer auch die Arbeit an eigenen Begrenzungen ist. Über sich selbst hinaus wachsen können nur diejenigen, die sich in ihren Grenzen kennen.
  • Der Dialog wirkt ausschließlich durch die Haltung dazu. (sl)

Die zehn Kernfähigkeiten im Dialog nach Hartekemeyer

  1. Die Haltung eines Lerners verkörpern
    Dialog erfordert eine lernbereite Offenheit, verknüpft mit dem Wissen, dass ich nichts wirklich weiß.
  2. Radikaler Respekt
    Andere werden in ihrem Wesen anerkannt, bis zu dem Punkt, aus der Perspektive des anderen die Welt sehen zu können.
  3. Offenheit
    Offenheit entsteht durch die Bereitschaft, sich von seinen Überzeugungen lösen zu können., und sich die Denkweisen mitteilen zu können.
    (P. Senge: „Nur echte Offenheit gibt dem Menschen die Kapazität, mit divergierenden Problemen produktiv umzugehen:“)
  4. „Sprich von Herzen“
    Davon reden, was mir wirklich wichtig ist, was mir am Herzen liegt und mich wesentlich angeht. Daher nehme ich den Mut, mich wirklich zu zeigen. 
    Gerade deshalb achte ich aufmerksam darauf, was ich denke.
  5. Zuhören
    Die Auswirkungen des Dialogs werden erhöht, wenn es gelingt sich zugewandt, frei von vorschnellen Bewertungen und mitfühlend zuzuhören.
    Zuhören bedeutet auch, zwischen den Worten auf den Ausdruck und das dazwischen Erscheinende zu horchen.
  6. Verlangsamung
    Um zu verstehen, was der andere meint und wer er ist, braucht es Zeit zum Nachdenken. Weil der Dialog zu einem tieferen Verständnis und Erweiterungen führen soll, braucht das Gesagte und Gemeinte Raum, der in einem eigenen, langsameren Rhythmus schwingt.
  7. Annahmen und Bewertungen suspendieren
    Häufig bestimmen diese Annahmen unser Denken, unsere Schlussfolgerungen und unser Handeln. Wir sind von der Richtigkeit überzeugt, oder sind wir von Vorurteilen geleitet? Wird unser Denken und Handeln dem, was Beobachtbar ist gerecht?

    Leiter der Schlussfolgerungen:
    – erste Stufe: Wahrnehmung von Fakten, Auswahl von Daten
    – zweite Stufe: Interpretation des Beobachteten
    – dritte Stufe: Hinzufügen von Bedeutungen und Bewertungen (weil hier
    Erfahrungen eine wesentliche Rolle spielen, handelt es sich damit um
    Konstruktionen)
    – vierte Stufe: Schlussfolgerungen (die an sich meist schon einen generellen
    Charakter haben)
    – fünfte Stufe: Handel

  8. Produktives Plädieren
    Mit der Bereitschaft, meine Sichtweise darzustellen und auch andere Perspektiven zu sehen, stellt sich möglicherweise der eigene Standpunkt in einem anderen Licht dar. Weil aber alle Standpunkte nebeneinanderstehen können, vertreten mit der gleichen Dialogbereitschaft, kann sich aus ihnen etwas Drittes entwickeln.
  9. Eine erkundende Haltung üben
    Ich bin in der Lage, meine Rolle als Wissender aufzugeben und übernehme das Risiko einer echten, neugierigen, bezogenen Frage an den anderen. Das geschieht aus dem Bedürfnis, etwas wirklich verstehen zu wollen.
  10. Den Beobachter beobachten
    Ich bin mit mir selbst in einem inneren Dialog, achte bewusst auf Gefühle, Haltungen und körperliche Reaktionen, ebenso, wie ich die anderen im Auge habe. Das geschieht aus der Absicht, zu lernen, das Wirksame in der Kommunikation zu erkennen und den gemeinsamen Dialog zu vertiefen.

nach: Johannes F. Hartkemeyer, Martina Hartkemeyer: Die Kunst des Dialogs – Kreative Kommunikation entdecken: Erfahrungen – Anregungen – Übungen. Klett-Cotta, Stuttgart 2005