Zur Kunst des Scheiterns

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Angenommen, Sie befinden sich in einer ganz normalen Situation in Ihrer täglichen Arbeit mit Menschen, mit Kollegen oder als Führungskraft oder als Berater, Sie sind geübt und souverän, können auf Ihre Fähigkeiten vertrauen, Sie sind erfahren und dadurch wirkungsvoll.
Und dann kommt da eine Situation, in der Sie plötzlich nicht mehr den Überblick haben, sich festfahren und zunehmend die innere Souveränität verlieren.
Was für ein Gefühl: die Wirkung verfehlt, die Absicht – tatkräftig durchdacht, vorbereitet, geprüft, modifiziert, für gut befunden und dann umgesetzt – im Unverständnis des Gegenüber versunken, alternative Möglichkeiten wie aufgelöst, der Kontakt unterbrochen, und es kommt einem vor, wie eine Investition, durch die auch noch zusätzliche Kosten entstehen.

Dabei: wir wissen alle, dass zum Erfolg das Versuchen gehört und stets das Risiko des Scheiterns enthalten ist.
Doch was nützt uns alles Wissen, das wir uns schützend und präventiv angeeignet haben, wenn der Moment des Scheiterns da ist, wenn eben dieses Gefühl plötzlich die Kontrolle über Denken, Fühlen und Handeln gewinnt. Kann das Wissen die Befürchtungen und Zweifel, die unsere Absichten begleiten, denn aufwiegen? Besteht nicht trotz alledem der unbedingte Wunsch, dass genau dieses Gefühl sich eben nicht Raum schafft?
Und dann: der Kopf sucht in beginnender Hektik nach Lösungen, das Herz will noch nicht wahrhaben und schlägt – schneller. ein bisschen schwerer und übt sich dabei im Tun-als-ob-nichts-wäre. –

Das Scheitern zeigt es uns ganz genau, das Versäumte, nicht Vorbereitete, das Unterschätzte, Ignorierte, Vergessene, Unberechenbare. Jetzt findet das Lernen für die Zukunft statt, jetzt wird eine Antwort erforderlich, jetzt lässt sich nicht mehr ausweichen oder fliehen, jetzt geht es um den Standpunkt und die Stellungnahme.
Allmählich wird das klar und dennoch gibt es ein Hadern mit der Frage, warum wir denn nicht gleich unserer Intuition gefolgt sind, die uns schon vor geraumer Zeit eine Ahnung schickte. Und am liebsten wäre es uns, wenn wir noch ein wenig verdeckende Kosmetik nutzen könnten, anstatt eine Erkenntnis (wenigstens uns) einzugestehen: ein Scheitern gibt es wirklich.

Mit den Fragen allerdings eröffnet sich allmählich die Möglichkeit des Abstands und eine weitere Frage formuliert sich, die die Souveränität vielleicht wieder herstellt, die den eigentlichen Grund wieder betretbar macht:

Was sind die Bedingungen einer Kunst des Scheiterns?

• anerkennen, akzeptieren, annehmen der Situation: sie ist tatsächlich (d.h. die Verleugnung aufgeben)
• anerkennen, akzeptieren. annehmen dieses unsäglichen Gefühls (d.h. ihm nachspüren und Raum geben)
• anerkennen, akzeptieren. annehmen der Tatsache, dass es auch mir passiert (die anderen, denen es sonst immer passiert, kommen mir näher, was den Kontakt zu ihnen stärkt)
• bekennen, dass es mir passiert ist (vorzugsweise auch anderen Gegenüber)
• den Moment aushalten (im sich Einlassen ereignet sich Geduld)
• sich vergegenwärtigen, was die eigentliche Absicht war (darin drückt sich der Wert des jeweiligen Handelns aus, der – wenn er wieder gesehen werden kann – uns sanfter werden lässt im Urteil)
• alternative Annahmen und Beschreibungen finden für die Situation, in der wir uns befinden (je enger sie sind, desto leichter ein Scheitern)
• nachdenken, lernen, vordenken (ein Scheitern enthält wertvolle Lernmöglichkeiten, die bedacht werden sollten)
• die Wertvorstellungen überprüfen (denn sie liefern die Maßstäbe) und ggf. ergänzen
• herauskommen, in dem wir uns hineinbegeben, indem wir
– leiden, jedenfalls eine Zeit lang
– fühlen, ohne zu erklären, jedenfalls eine Zeit lang
– darüber reden, jedenfalls eine Zeit lang
– Wertschätzung üben, uns und anderen gegenüber, ohne Zeit
– Abschied nehmen, von nicht passenden Annahmen und Vorstellungen, um einen Wiederbeginn zu ermöglichen

Um die eigene Souveränität zu erhalten, ist es notwendig, Position zu beziehen. Durch diese Stellungnahme wird die eigene Würde gewahrt, die uns im Wesentlichen trägt, und die im Kern gar nicht scheitern kann. Teilen wir unsere Position mit, dann kann es gelingen, sich nicht nur auf einander zu beziehen, sondern mit anderen zu einer weiteren, zusammen hängenderen Deutung der erlebten Situation zu kommen, und so unserem „Scheitern“ etwas Substituierendes hinzuzufügen. Ich halte das „Scheitern“ für eine „Kunst“, wenn das Gefühl der Lebendigkeit langfristig gestärkt werden soll. Es gehört notwendig zur Erfahrung des Lebens dazu, lässt sich nicht verbannen, das „Scheitern“ lässt sich im Grunde nur bekennen, um dann in der jeweiligen Situation selbst, aktiv und handlungsfähig zu bleiben und Verantwortung tatsächlich zu übernehmen.
Das „Scheitern“ ist ein Akt der Reifung, dem wir uns sorgsam zuwenden sollten.

Stefan Latt